Kultur­re­vo­lution mit Preußen

Der Wieder­aufbau des Berliner Schlosses wurde über den Förder­verein von Spendern mitfi­nan­ziert. Neue Recherchen zeigen: Der Verein hatte stets Kontakte in rechts­ra­dikale Milieus.

Dieser Text basiert im Wesent­lichen auf einer Recherche, die der Autor für sein neues Buch “Bauen am natio­nalen Haus. Archi­tektur als Identi­täts­po­litik” (Berenberg Verlag) unter­nommen hat. Eine redigierte Fassung ohne Quellen­hin­wiese veröf­fent­lichte Zeit-​Online am 4.3.2024 unter dem Titel „Rechte Spender für das Berliner Stadt­schloss — Kultur­re­vo­lution mit Preußen“

Haben sich rechts­ra­dikale Spender an der Finan­zierung der Fassaden des Neubaus des Berliner Schlosses beteiligt, der im Jahr 2020 eröffnet wurde mit dem Humboldt Forum darin? Diese Frage ist insofern heikel, als die stets heftig umstrittene Entscheidung für die histo­ri­sie­rende Fassa­den­re­kon­struktion eine basis­de­mo­kra­tische Legiti­mation dadurch erhalten hatte, dass die Fassade im Gegensatz zum Gebäu­de­inneren durch Spenden aus der Bevöl­kerung finan­ziert wurde. 677 Millionen Euro kostete der Bau insgesamt, davon zahlte die öffent­liche Hand 572 Millionen Euro für die Errichtung des Gebäu­de­kerns, die restlichen 105 Millionen Euro für dessen Verkleidung mit Barock­fas­saden kamen aus privaten Quellen. Gesammelt hat ein Großteil der Spenden der 1992 gegründete Förder­verein Berliner Schloss, dessen Werben für die Schloss­re­kon­struktion zehn Jahre später Erfolg hatte: Der Bundestag beschloss 2002 den Wiederaufbau.

Die Idee einer Wieder­errichtung der ursprüng­lichen Residenz der Kurfürsten von Brandenburg, später der Könige von Preußen und schließlich der deutschen Kaiser hatte von Beginn an einen inneren Wider­spruch: Wie sollte dieser Symbolbau mitten in der Haupt­stadt des wieder­ver­einten Deutsch­lands unser heutiges demokra­ti­sches Gemein­wesen reprä­sen­tieren? Heute muss man sagen: Nicht nur die Idee war rückwärts­ge­wandt, in der konkreten Gestalt des Baus hat sich rechts­las­tiges Gedan­kengut nieder­ge­schlagen. Denn Spende­rinnen und Spender konnten, das ist erst seit kurzem klar, sogar mittels optio­naler Bausteine Einfluss auf die Ausge­staltung des Gebäudes nehmen und mit ihrem Geld etwa die Rekon­struktion der Kuppel und der Innen­seite des Eosan­der­portals durchsetzen.

Dass bei den Aktivi­täten des Förder­vereins Berliner Schloss rechts­ra­dikale Akteure mitwirkten, darüber hat zuerst bereits im Jahr 1999 das Magazin Stern berichtet. Spürbare Konse­quenzen hatte die Veröf­fent­li­chung indes keine. Der Autor dieses Text hier hat mehr als 20 Jahre später – in einem Gastbeitrag für den Tages­spiegel im Oktober 2021 – erstmals die Gesinnung eines der Großspender des Schloss­wie­der­aufbaus näher beleuchtet, des 2016 verstor­benen Bankiers Ehrhardt Bödecker. Der hatte etwa eine „wissen­schaftlich nachge­wiesene Unrich­tigkeit der behaup­teten Zahl von 6 Millionen Opfer“ des Holocaust behauptet, sah in den jüdischen Exilanten der Frank­furter Schule die Verur­sacher einer Reedu­cation des deutschen Volkes und sprach sich gegen die parla­men­ta­rische Demokratie, freie Medien, Gewerk­schaften und politische Parteien aus. Bödeckers Äußerungen waren teilweise antise­mi­tisch und rechtsextrem.

Die Stiftung Humboldt Forum entfernte Ende 2021 auf Bitten der Familie Bödecker die Ehrhardt Bödecker gewidmete Ehren­tafel in dem auf der Westseite des Baus gelegenen Eosan­der­portal und drängte auf eine Überprüfung aller Großspender. Da diese aber teilweise anonym gespendet hatten, konnte die Stiftung diese Prüfung nicht selbst vornehmen, sondern war hierfür auf den Förder­verein Berliner Schloss angewiesen.

Im Herbst 2022 gab die Stiftung Humboldt Forum erfreut Entwarnung: Sie verkündete, es gebe „keinen Hinweis auf rechts­ra­dikale oder gar extre­mis­tische Spender“ beim Schloss­projekt. Somit hätten sich Vorwürfe, rechts­lastige Akteure hätten bei dem Projekt mitge­wirkt, als substanzlos erwiesen. Dies Klarstellung war für die Verant­wort­lichen von großer Wichtigkeit, weil Zweifel an den Motiven und dem politi­schen Hinter­grund der Spender das Ansehen des Gesamt­pro­jektes noch zusätzlich beein­träch­tigen würde.

Die Behauptung nun, dass die Kritik ausge­räumt sei, beruhte auf einer vom Förder­verein Berliner Schloss beauf­tragten Überprüfung der Spender durch den Berliner Anwalt Peter Raue. Doch wie belastbar war dieser Persil­schein des renom­mierten Juristen? 

Raue hat anonyme Spenden in Höhe von 25 Millionen Euro gar nicht prüfen können, weil deren Herkunft selbst dem Förder­verein unbekannt waren. Zudem war Raue in der Sache befangen. Zu seinen Mandanten gehörten sowohl der Förder­verein wie auch die Familie des Großspenders Ehrhardt Bödecker. Er stritt für seine Mandanten ungünstige Tatsachen ab, etwa dass diese durch optionale Bausteine auf die Ausge­staltung des Baus Einfluss nehmen konnten und sprach vom »angeb­lichen« Antise­miten Bödecker. Raue verhin­derte zudem über Monate die Veröf­fent­li­chung eines ihm bekannten wissen­schaft­lichen Gutachtens des Instituts für Zeitge­schichte, das den Vorwurf des Antise­mi­tismus gegenüber Bödecker sehr wohl belegte.

Als die Vorwürfe rechts­las­tiger Spender im Oktober 2021 öffentlich wurden, haben sich die Verant­wort­lichen überrascht gegeben. Dabei hatte der Stern ja bereits im April 1999 aufge­zeigt, dass der Förder­verein mit rechts­las­tigen bis rechts­extremen Akteuren zusam­men­ar­beitet. So hatte der Verein im Januar 1999 in der FAZ eine Anzeige geschaltet, die von mehreren Personen aus dem rechts­ra­di­kalen Milieu mitun­ter­zeichnet worden war. Doch auch im Jahr 2022 hatte hier niemand ein Interesse daran, der Proble­matik auf den Grund zu gehen. Man gab sich mit Raues Auskünften zufrieden. In der öffent­lichen Debatte galt der Fall nach der Entfernung des Medaillons im Eosan­der­portal, welche den Großspender Bödecker ehrte, als erledigt.

Mangelnder Aufklä­rungs­wille, Zurück­halten von Infor­ma­tionen und entlas­tende Falschaus­künfte der Stiftung Humboldt­forum waren für den Autor dieses Textes Anlass, das Verhältnis der Spenden­kam­pagne des Förder­vereins zu rechts­las­tigen Kreisen nochmals genauer zu unter­suchen. Die neuen Recherchen zeigen, dass es sich bei Bödecker nicht um eine Ausnahme handelte

Seit seiner Gründung im Jahr 1992 hatte der Förder­verein Berliner Schloss Verbin­dungen zu rechts­ra­di­kalen Kreisen und offen­kundig keinerlei Interesse, sich von diesen klar abzugrenzen. Da der Förder­verein eine eigene politische Positio­nierung weitgehend vermieden hat, augen­scheinlich um eine breite Unter­stützung seines Vorhabens nicht zu gefährden und keine Gegen­kräfte zu mobili­sieren, liegt dieser Sachverhalt nicht offen zu Tage. Es sind vor allem die Kontakte zu rechts­ra­di­kalen Politikern, zu einer rechts­extremen Verei­nigung in Hamburg und zu einem zentralen publi­zis­ti­schen Organ der sogenannten Neuen Rechten, welche die Verbindung des Vereins in rechts­ra­dikale Milieus aufzeigen.

Dem fünfköp­figen Gründungs­vor­stand des Vereins gehörte 1992/​93 Dieter Lieber­wirth als einer der beiden Stell­ver­treter des Vereins­vor­sit­zenden Wilhelm von Boddien an. Dieter Lieber­wirth war damals Politiker der Partei Die Republi­kaner und zuvor schon als Sympa­thisant der NPD öffentlich in Erscheinung getreten. Lieber­wirth vertrat die Republi­kaner ab 1989 für viele Jahre im Stutt­garter Gemein­derat, 1989 trat er bei der Europawahl als Kandidat an, 1992 kandi­dierte er für den Landtag Baden-​Württemberg, 1996 bei der Wahl zum Oberbür­ger­meister Stutt­garts. Zwei Jahrzehnte später arbeitete er als Presse­sprecher für die Stutt­garter AfD.

Und schon als der Förder­verein für den Schloss­neubau in Berlin mit der Schloss­si­mu­lation im Sommer 1993 große öffent­liche Aufmerk­samkeit erregte, war man sich offen­kundig bewusst, dass es politisch ungünstig wäre, wenn ein rechts­ra­di­kaler Politiker mit an der Spitze des Vereins stünde. Man bat Dieter Lieber­wirth, sich diskret aus dem Vorstand zurück­zu­ziehen, doch ansonsten war er im Verein weiterhin wohlge­litten. Als engagiertes Vereins­mit­glied vertei­digte er Wilhelm von Boddien auf Mitglie­der­ver­samm­lungen gegen vereins­in­terne Kritiker und spendete ein Schmuck­element für das Eosan­der­portal. Er blieb nicht der einzige rechts­lastige Politiker, der mit dem Verein eng verbunden war.

Zu seinen Großspendern gehören des weiteren der AfD-​Politiker Thomas Sambuc, die Gesell­schaft Berliner Schloss e.V., deren dreiköp­figem Vorstand der Berliner AfD-​Politiker Daniel Krüger angehört, sowie der AfD-​Förderer Karl-​Klaus Dittel. Letzterer leitete über zehn Jahre lang den Freun­des­kreis Baden-​Württemberg des Förder­vereins Berliner Schloss und gründete daneben den »Verein zur Erhaltung der Rechts­staat­lichkeit und der bürger­lichen Freiheiten«, der in großem Umfang Wahlwerbung für die AfD mit rechtlich dubiosen Finan­zie­rungen organisierte.

Ein anderer langjäh­riger Unter­stützer aus dem rechts­ra­di­kalen Milieu ist die Staats- und Wirtschafts­po­li­tische Gesell­schaft (SWG) Hamburg, die im Jahr 2023 vom Hamburger Landesamt für Verfas­sungs­schutz als gesichert rechts­extrem einge­stuft wurde. Bereits 1993 publi­zierte der ehemalige NS-​Kulturfunktionär Niels von Holst in der Zeitschrift der SWG ein Plädoyer für den Wieder­aufbau des Berliner Schlosses, den er zum Zweck der angeb­lichen Identi­täts­be­wahrung des vereinten Deutsch­lands forderte. Im Jahr 2001veröffentlichte Schloss­groß­spender Ehrhardt Bödecker ebenfalls in dieser Zeitschrift ein geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sches Pamphlet über die angeb­liche »Antipreu­ßische Gehirn­wäsche«. Im selben Heft erschien — neben Texten weiterer als rechts­ra­dikal bekannter Autoren wie Max Klaar, Wolfgang Venohr und Reinhard Uhle-​Wettler — ein Aufsatz von Wilhelm von Boddien, in dem er ebenfalls Identi­täts­fragen beschwor und meinte: »Ohne das Schloss ist hier alles nichts.«  

Auf Einladung des rechts­extremen Vorsit­zenden der SWG, dem General a.D. Reinhard Uhle-​Wettler, hielt Wilhelm von Boddien bei dieser 2007 einen Vortrag. Das Cover des Magazins der SWG von 2015 zeigte ein Rendering des wieder­auf­ge­bauten Schlosses, im Heft fanden sich erneut Spenden­aufrufe. Vorsit­zender des SWG war zu dieser Zeit der hochrangige ehemalige Bundes­wehr­of­fizier Manfred Backerra, der wegen seiner Kontakte ins rechts­extreme Milieu noch während seiner aktiven Dienstzeit bei der Bundeswehr in den Neunzi­ger­jahren wiederholt aufge­fallen ist. Auch persönlich spendete Backerra mehrfach für das Schloss und war einer der Unter­zeichner der Anzeige des Förder­vereins im Januar 1999, welche der Stern damals kriti­siert hat.

Die dritte wichtige rechts­lastige Stütze des Förder­vereins Berliner Schloss ist schließlich die Zeitschrift Junge Freiheit, die wegen ihrer Nähe zu rechts­ra­di­kalen Positionen immer wieder vom Verfas­sungs­schutz beobachtet wurde und die auch Ehrhardt Bödecker jahrelang als Stamm­autor eine Bühne geboten hatte.

Die Zeitschrift selbst, ihr Heraus­geber Dieter Stein und einige ihrer Autoren (darunter Claus Wolfschlag) sind in der Spender­liste geführt. Wichtiger als dieses Geld war aber ihre publi­zis­tische Unter­stützung des Projektes, zumal der Förder­verein in der Leser­schaft der Jungen Freiheit offen­kundig eine Zielgruppe für sich sah und schon im Jahr 1993 in der Zeitung mit einer großen Anzeige für Spenden und Mitglieder warb. Gemeinsam mit Junge-​Freiheit-Autor Wolfgangs Lasars und dem rechts­extremem Vertrie­be­nen­funk­tionär Paul Latussek bestritt Wilhelm von Boddien im Februar 1999 ein Seminar bei der rechts­ra­di­kalen Jungen Landmann­schaft Ostpreußen.  Auch die regel­mäßige Junge-​Freiheit-Autorin Vera Lengsfeld, nach der Wende ursprünglich Politi­kerin bei Bündnis 90/​Die Grünen, später aber über einen Wechsel zur CDU heutzutage bei rechts­ra­di­kalen Positionen angelangt, ist eine engagierte Unter­stüt­zerin der Schloss­re­kon­struktion. Sie spendete vier Schmuckelemente.

Als der Förder­verein Berliner Schloss wegen seiner rechts­ra­di­kalen Unter­stützer bereits vor zwei Jahren in die Kritik geriet, gab er keineswegs Unwis­senheit vor, sondern stellte sich im Gegenteil vor diese. »Wir bekennen uns ohne jede Einschränkung zu unseren Spendern«, verlaut­barte Geschäfts­führer Wilhelm von Boddien im Mai 2022 und sprach von »einer Hexenjagd auf unbescholtene Bürger«. Die Junge Freiheit lobte ihn prompt für seine große Standhaftigkeit.

Der Förder­verein argumen­tiert bis heute offensiv, dass er rechts­ra­dikale Spender weder zurück­weisen könne noch wolle. Schließlich gelte in Deutschland Meinungs­freiheit; nur Spenden von Personen, die vom Verfas­sungs­schutz beobachtet würden oder gerichtlich verur­teilt wurden, seien abzuweisen. Wie schon der inzwi­schen verstorbene Bödecker fordert nun der heutige Vorsit­zende des Förder­vereins Berliner Schloss, Richard Schröder, den gesetz­lichen Spielraum für rechts­extreme Positionen zu vergrößern: Bödecker kriti­sierte die Verfolgung Rechts­extremer durch den Verfas­sungs­schutz, Schröder kriti­siert vor Kurzem das Verbot der Holocaustleugnung. 

Die Proble­matik rechts­ra­di­kaler Spender wurde­teil­weise bagatel­li­siert, teilweise in Abrede gestellt. Der Vereins­vor­sit­zende Richard Schröder, emeri­tierter Theolo­gie­pro­fessor der Humboldt-​Universität und Mitglied der SPD, leugnete in einem Beitrag den Antise­mi­tismus des Spenders Bödecker und warf dem Autor dieses Textes vor, in dem Artikel für den Tages­spiegel durch Fälschung von Zitaten diese antise­mi­ti­schen Bezüge überhaupt erst erfunden zu haben.  

Schröder behauptete zudem, Rechts­extre­mismus sei »viel zu schwammig für ein Ausschluss­kri­terium«. Er nahm die AfD und die Zeitschrift Junge Freiheit vor Kritik in Schutz und sah auch keine ethischen Standards verletzt, wenn Personen in einer Zeitschrift publi­zieren, in der auch Texte von Holocaust­leugnern veröf­fent­licht werden. Dann ging er noch einen Schritt weiter: Er sah in der Leugnung des Holocausts eine Meinungs­äu­ßerung, deren Verbot er als Einschränkung der Meinungs­freiheit proble­ma­ti­sierte,  eine Äußerung, mit der Schröder Holocaust­leug­nungen insgesamt relativierte.

Der Verein rief im Mai 2022 in der vereins­ei­genen Zeitschrift Berliner Extra­blatt einen »Kultur­kampf« aus, sprach von »überhitztem Säkula­rismus«, Verlust »abend­län­di­scher Identität«, einem »Akt der Tyrannei« , »kollek­tiver Amnesie«, »Gehirn­wäsche« und kriti­sierte die »deutschen Leitmedien«. Den Neubau des Schlosses dekla­rierte er auch als Versuch, sich solchen Fehlent­wick­lungen entge­gen­zu­stemmen. Die »Radikal­mo­derne« wurde einem pauschalen Bashing unter­zogen und mit den visuellen Methoden der NS-​Ausstellung Entartete Kunst diffa­miert.  In einem Bildpaar diente eine Monster­spinne aus einem Science-​Fiction als Analogie zu einem Projekt von Zaha Hadid. Daniel Libes­kinds Umgang mit dem Altbau­be­stand beim Jüdisches Museum in Berlin wurde als „bedrü­ckendes Beispiel“ kriti­siert.  Diese Beispiele stehen für einen latent misogynen, rassis­ti­schen oder antise­mi­ti­schen Subtext, der sich auch in vergleich­baren Beiträgen der Jungen Freiheit und der Zeitschrift Sezession des Instituts für Staats­po­litik wiederfindet.

Wenig überra­schend war die starke Resonanz auf diese rechts­las­tigen Positio­nie­rungen des Förder­vereins im Mai 2022 bei Neuen Rechten und Rechts­extremen. Mit einer Reihe von Veröf­fent­li­chungen sprangen sie dem Förder­verein in dem »totali­tären Kampf gegen ›rechts‹« zur Seite, »der noch die beschei­densten Bedürf­nisse nach positiver Identi­fi­kation mit unserer Herkunft ausmerzen wird«. Die Junge Freiheit machte in ihrem Online-​TV den »Kampf ums Berliner Schloss« zum »Thema der Woche«, und übernahm wie mehrere rechts­ra­dikale bezie­hungs­weise rechts­extreme Online­medien die Behauptung, die Kritik am Antise­mi­tismus Bödeckers gehe auf ein gefälschtes Zitat zurück. Im Juli 2022 stellte das Landge­richt Berlin hingegen fest, die entspre­chende Aussage über Bödecker »ergibt sich aus dem Buch Bödeckers« und verhängte gegen Richard Schröder eine einst­weilige Verfügung auf Unter­lassung, die ihm untersagt, seine Falsch­be­hauptung über angeb­liches Mogeln beim Zitieren durch den Verfasser dieses Textes weiter zu äußern. Schröder hat hiergegen Berufung eingelegt, die das Kammer­ge­richt aber laut Beschluss vom 2.2.2024 zurück­weisen will.

Zwar mussten nun der Förder­verein und seine rechts­ra­di­kalen Unter­stützer ihre Falsch­be­hauptung aus dem Verkehr nehmen, konnten sich aber bald darauf über eine Verstän­digung mit der Stiftung Humboldt Forum freuen. Letztere gelangte zu der Auffassung, dass der Antise­mi­tismus Bödeckers weder rechts­extre­mis­tisch noch rechts­ra­dikal sei und sich daher die zuvor erhobenen Vorwürfe nicht erhärtet hätten; einer weiteren Zusam­men­arbeit stehe nichts im Wege. Daraufhin stellte die Junge Freiheit fest: »Humboldt-​Forum rehabi­li­tiert ›rechte Spender‹. Die Behauptung, der Verein habe Gelder von »rechten Spendern« angenommen, habe »sich als unwahr heraus­ge­stellt«. Genüsslich berichtete die Junge Freiheit, dass die Stiftung Humboldt Forum von ihrer einstigen Forderung, der Verein solle die Spenden der Zeitung wegen Verstoß gegen ethische Standards zurück­zahlen, nichts mehr wissen wolle. Diesen Artikel wiederum übernahm der Förder­verein vollständig auf seine Website.

Man ist sich einig: Es gibt kein Problem – außer einer woken Empörungs­welle, die mit vermeintlich falschen Unter­stel­lungen das Schloss­projekt in Misskredit bringen wolle. Zu diesen angeblich falschen Unter­stel­lungen wird auch die oben bereits erwähnte Feststellung gezählt, dass Spender über die Finan­zierung optio­naler Bausteine Einfluss auf die Reali­sierung des Schlosses nehmen konnten. Diese Tatsache wurde von Förder­verein und Stiftung vehement bestritten, doch musste die Stiftung freilich einräumen, dass dieser Einfluss doch gegeben war.

Besonders drängend stellt sich die Frage im Hinblick auf die Bauge­stalt der umstrit­tenen Schloss­kuppel, deren Rekon­struktion den Symbol­gehalt des Gesamt­vor­habens maßgeblich verändert hat, da sie für die Verbindung von Thron und Altar, das Gottes­gna­dentum und die Nieder­schlagung der Revolution von 1848 steht. Gerade noch recht­zeitig konnte der Förder­verein im März 2013 eine anonyme Spende »zwischen fünf und neun Millionen Euro« einwerben: »Der Bau der Schloss­kuppel war gefährdet, weil nicht genug Spenden speziell für sie vorlagen«, berichtete die Junge Freiheit. »Anderer­seits musste in diesen Tagen, angesichts des begon­nenen Rohbaus, eine Entscheidung getroffen werden, ob sie in ihrer histo­ri­schen Form schon jetzt auch statisch integriert werden kann. Es gab also eine entschei­dende Weichen­stellung. Wir sind überglücklich, dass sich unter unseren Spendern jemand fand, der mit einem Millio­nen­betrag einge­sprungen ist. Für ihn, wie auch für uns, macht die Rekon­struktion des Schlosses ohne Kuppel wenig Sinn.« 

Wilhelm von Boddien nahm zwar, wie die Junge Freiheit schon Jahre zuvor schrieb, »seinen Gegnern, die sich vornehmlich auf der linken Seite des politi­schen Spektrums befanden, […] geschickt den Wind aus den Segeln, indem er die politi­schen Bezüge der Schloss­re­kon­struktion vehement bestritt«. Doch diese Argumen­tation war rein taktisch.

Beim histo­ri­schen Schloss spitzte sich die ideolo­gische Botschaft nach Westen zu. Hier befindet sich das Eosan­der­portal, welches mit seiner Nachahmung eines römischen Triumph­bogens den imperialen Herrschafts­an­spruch Preußens zum Ausdruck brachte. Und so ist es wenig überra­schend, dass rechts­lastige Spender wie Ehrhardt Bödecker, Klaus Dittel, Dieter Lieber­wirth und die Gesell­schaft Berliner Schloss sich gerade hier engagierten.

Überhöht wird das Eosan­der­portal mit der Schloss­kuppel, die in Zeiten der Nieder­schlagung der demokra­ti­schen Revolution von 1848 erbaut worden. Das Kuppel­kreuz spendete die Witwe des Unter­nehmers Werner A. Otto, der seiner­seits 2001 dem rechts­ra­di­kalen Bundes­wehr­of­fizier Max Klaar drei Millionen Mark für den Wieder­aufbau der Garni­son­kirche Potsdam zugesagt hat. Vera Lengsfeld wiederum finan­zierte die Nachbildung des Propheten Daniel auf der Kuppel­ba­lus­trade. Welcher anonyme Großspender aber die Reali­sierung der eigent­lichen Kuppel sicher­ge­stellt hat, ist bis heute unbekannt. Doch kann man davon ausgehen, dass deren Symbol­be­deutung für sein Engagement eine wichtige Rolle gespielt hat.

Für die rechts­las­tigen Unter­stützer des Schloss­pro­jektes ist dieses ein Symbol für das Wieder­wachen der deutschen Nation. Für den Heraus­geber der Jungen Freiheit Dieter Stein, so schrieb dieser im Jahr 2005, geht es bei Rekon­struk­ti­ons­pro­jekten wie dem Berliner Schloss um die »Gesundung der deutschen Identität. Deutschland braucht eine archi­tek­to­nische Renais­sance, die die Seele seiner Städte und damit die Seele aller Deutschen gesunden lässt.«  In einem anderen Text schreibt er im Jahr 2007: »Vielleicht ist endlich einmal Schluss mit dem ›Gebro­chenen‹, ›Verfrem­deten‹, ›irgendwie Anderen und Neuen‹. Das Schloss ist das Herz des preußisch geprägten Deutschland. Es wird wieder zu schlagen beginnen.«  Zum Richtfest des Berliner Schlosses jubelte Stein unter der Überschrift »Wunder geschehen«: »Archi­tektur ist Gestalt gewor­dener Wille zum Staat. In ihr lässt sich das Selbst­be­wußtsein einer Nation ablesen. […] Wir Deutschen gewinnen unsere Mitte wieder.«  

Ein Großteil der zehntau­senden Spender des Schloss­pro­jektes hat sicher aus lauteren Motiven für diese gespendet. Aber zugleich konnten sich rechts­ra­dikale Spender in das Projekt einschreiben und sogar Einfluss auf seine Ausge­staltung nehmen. Das Berliner Stadt­schloss ist damit Beispiel dafür, wie die Neue Rechte in den vergan­genen Jahren erfolg­reich ihre Strategie umsetzt, mit ihrem Ideengut bis in die gesell­schaft­liche Mitte vorzudringen. 

Noch eklatanter ist dies der Fall bei dem von Rechts­ra­di­kalen initi­ierten Wieder­aufbau der Garni­son­kirche Potsdam. Auch wenn diese hier mittler­weile keine aktive Rolle mehr haben, haben sie das Konzept des Bauvor­habens maßgeblich geprägt und sehen dessen Fertig­stellung freudig entgegen, zumal die histo­rische Symbol­be­deutung dieser Militär­kirche noch weitaus radikaler antide­mo­kra­tisch, belli­zis­tisch und völkisch ist.

Ob Rekon­struktion des Berliner Schlosses oder der Garni­son­kirche in Potsdam: Bei beiden Projekten geht es rechts­ra­di­kalen Akteuren durch ihre Initiative oder finan­zielle Mitwirkung darum, mit der (Wieder-)Errichtung von histo­ri­schen Symbol­bauten zugleich ihr Gedan­kengut zu verbreiten und in die Mitte der Gesell­schaft zu tragen. Das Vorgehen folgt letztlich der Idee einer Kultur­re­vo­lution von rechts, die der rechts­extreme franzö­sische Vordenker Alain de Benoist bereits 1985 ausge­rufen hat. Und in diesem Kultur­kampf spielen im Bereich der Archi­tektur Rekon­struk­ti­ons­bauten eine maßgeb­liche Rolle, wie sich dies in zahllosen Zeitschriften Magazinen, Büchen und Inter­net­platt­formen der radikalen Rechten nachvoll­ziehen lässt.

Im Rahmen der Debatte um die rechts­ra­di­kalen Spender beim Schloss titelte die Wochen­zeitung Junge Freiheit ihren Aufmacher im Juni 2022 “Kampf um die Mitte“. Im Leitar­tikel dazu schrieb Andreas Lombard: „Die Herren der späten Bundes­re­publik sonnen sich in einem haupt­städ­ti­schen Prunk, den sie als edlen Beifang gern mitnehmen und dessen tiefere Bedeutung für das Land sie zugleich bekämpfen.“ Subtil spricht er von „später Bundes­re­publik“. Für ihn ist der Bau offen­kundig ein Symbol einer kommenden neuen Zeit, welche die heutige Bundes­re­publik hinter sich lassen und womit sie nun an das Erbe der Kaiserzeit anschließen soll. Heute, so lässt sich Lombard nur verstehen, konter­ka­riere die political correctness des Humboldt­forums den Sinn des Schlosses noch, aber eigentlich solle hier das Staats­ober­haupt seinen Sitz einnehmen.

Inzwi­schen treten die Neuen Rechten selbst­be­wusster auf und benennen offen­siver ihre eigent­lichen Anliegen. Geschickt wissen sie, ihre Agenda mit dem Bezug auf die klassi­schen Werte des Wahren, Schönen und Guten schmackhaft zu machen. Der Wieder­aufbau des Berliner Schlosses mit der anfangs nicht vorge­se­henen origi­nal­ge­treuen Rekon­struktion der histo­ri­schen Kuppel einschließlich Kuppel­kreuz und Spruchband sowie die Würdi­gungen rechts­ra­di­kaler Spender ist für sie ein wichtiges Zeichen eines Erfolges im Kampf um die Mitte.

— 1. Juni 2024

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